Im Zug durch die Welt

Ein langsames, gemütliches Reisejournal

Unsere Zeit in Xi‘an neigte sich dem Ende zu und es wurde Zeit, sich auf den Weg nach Zhangjiajie zu machen. Die Zugfahrt dorthin dauert 10 Stunden, aber glücklicherweise konnten / mussten wir einen Zwischenstopp in Wuhan einlegen und reisten so in zwei Etappen à je 5 Stunden. Wir reisten am 7. Oktober, dem zweitletzten Tag der Golden Week. Mit uns waren deshalb sehr viele andere Menschen unterwegs, die nach ihren Ferien wieder nach Hause reisten. Besonders bei unserem Zwischenhalt in Wuhan wurde das deutlich: Der Bahnhof platzte aus allen Nähten und Sitze im Wartebereich waren hart umkämpft. Der Zug von Wuhan nach Zhangjiajie war dagegen fast leer, vermutlich weil Zhangjiajie ein beliebter Urlaubsort ist und nun alle in die entgegengesetzte Richtung reisten.

Zhangjiajie ist berühmt für seinen Nationalpark mit zahllosen Karstfelsen und den Tianmen-Berg. Aufgrund von Sophies Höhenangst hat sich unser Besuch aber auf den Nationalpark beschränkt, da die Gondelfahrt auf den Tianmen-Berg hoch und lang ist. Der Nationalpark besteht wiederum aus verschiedenen Gebieten, die miteinander über diverse Wanderwege, Busrouten, Gondelbahnen und sogar einem 300 Meter hohen Lift (dem Bailong-Lift) verbunden sind. Die Infrastruktur ist für einen Nationalpark beeindruckend, bzw. verrückt: Neben verschiedenen Verkehrsmitteln stehen überall Toiletten, Sanitätsposten und Essensstände bereit. Damit sind nicht kleine Berghütten mit Suppe und Sandwiches gemeint, nein, es hat sogar einen McDonalds auf dem Tianzi-Berg. Klingt komisch, war aber recht praktisch, da Proviant bei 35°C und 80% Luftfeuchtigkeit recht schnell verdorben wäre.

Vermutlich war das Ende der Golden Week auch der Grund, weshalb wir im sowieso recht edlen Hotel (Aurelios Geburtstagsgeschenk) ein Zimmerupgrade erhielten. Der Eindruck verstärkte sich umso mehr, als wir uns am Nachmittag erstmals auf den Weg in den Nationalpark machten. Die Infrastruktur ist auf einige riesige Anzahl Besucher ausgelegt (der Eingang, den wir benutzten, hat eine Kapazität von 58‘000 Personen pro Tag, und es gibt noch zwei weitere Eingänge!). Wir hingegen fuhren mit einem halb leeren Bus zum beliebtesten Teil des Parks und konnten dort, ohne anzustehen, den oben erwähnten Bailong-Lift benutzen, welcher uns zu einem Wanderweg mit spektakulären Aussichtspunkten über die Hallelujah-Felsen brachte. Wir überquerten auch die angeblich höchste natürliche Felsbrücke der Welt, die zwei Karstfelsen miteinander verbindet. Auf einem der Felsen befindet sich ein kleiner Schrein und viele Leute kaufen sich rote Bänder, die sie als Glücksbringer an der Brücke befestigen.

An unserem zweiten Tag in Zhangjiajie erkundeten wir die Gegend um den Tianzi-Berg und Yangjiajie. Eine Hotelangestellte empfahl uns eine Route, die auf den ersten Blick recht sinnvoll aber auch sportlich schien. Zuerst nahmen wir eine Gondel auf den Tianzi-Berg (Sophie: schrecklich hoch, musste die Augen schliessen!!!) Danach fuhren wir mit dem Bus weiter ins Gebiet von Yangjiajie wo wir mit etwa zwei Stunden Fussmarsch den Aussichtspunkt „Great Natural Wall“ erreichten und mithilfe einer Eisenleiter einen Berggipfel namens „1 Schritt zum Himmel“ erklommen (Sophie: Ebenfalls zu hoch, bzw. zu exponiert!!!). Danach kehrten wir zum Gebiet am Tianzi zurück und machten uns nach einem Mittagessen (nicht bei McDonalds!) und einem wohlverdienten Kaffee auf den Abstieg über die Wolong-Ridge. Der Abstieg begann scheinbar harmlos mit einigen Treppen, das Problem war nur, dass aus einigen Treppen zwei Stunden ununterbrochenes Treppensteigen wurde. Unsere Knie schlotterten bei jeder Pause und der darauffolgende Muskelkater war der Schlimmste unseres Lebens. Der Weg hat sich für die spektakulären Aussichten trotzdem gelohnt und wir waren immer noch besser dran, als die Sänftenträger, die uns immer wieder ihre Dienste anboten. Unten angekommen entschieden wir uns nach 16km und mehr als 6000 Treppenstufen, einen absolut touristischen Minizug für den Rest des Wegs zu nehmen.

Am nächsten Tag beschlossen wir, nicht mehr auf die Hotelangestellte zu hören, und machten nur einen Spaziergang entlang des Golden Whip Stream, einem Fluss, der sich am Fuss der Karstfelsen entlangschlängelt. Wir trafen erstmals die Affen, vor denen überall im Park gewarnt wird und mussten leider auch sehen, wie sich die anderen Touristen um das Fütterungsverbot foutierten. Es war spannend, die Felsformationen aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können und durch den Schatten auch angenehm kühl.

Während der drei Tage im Park bestätigte sich, was wir online bereits gelesen hatten. Der Nationalpark ist sehr beliebt und wird täglich von sehr vielen Besucher*innen besucht. Diese konzentrieren sich aber auf einige wenige Panoramawege, die gut erschlossen und nicht anspruchsvoll sind. Sobald man diese Wege verlässt, ist man oft fast alleine unterwegs.

Der Ort Wulingyuan, in welchem wir übernachteten, ist vollkommen auf den Tourismus ausgelegt und nicht sehr spannend. Ein Hotel reiht sich ans Nächste, Restaurants befinden sich oft in Hotelanlagen, der Helikopter fliegt im 10-Minuten-Takt zahlungskräftige Touristen durch den Nationalpark. Wir verbrachten daher unsere Zeit ausserhalb des Parks vor allem in unserem Hotel und nutzen Meituan, den chinesischen Essens-Lieferdienst für einige Mahlzeiten. Unser Hotel war mit einem Roboter ausgerüstet, welcher das gelieferte Essen selbstständig von der Lobby ins jeweilige Zimmer bringt und dabei sogar den Lift bedienen und Anrufe tätigen kann.

Nach vier Tagen in der Natur und einem ruhigen Hotel wurde es nun Zeit, weiterzureisen. In Chongqing erwartet uns das pure Gegenteil: Eine Megastadt mit über 22 Millionen Einwohner*innen im urbanen Gebiet der Stadt, 32 Millionen im gesamten Gebiet Chongqings und eine Unterkunft im 34. Stock mit Aussicht auf den Yangtse.

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